TBV Lemgo will mit Allstars zurück an die Spitze

Von Jens Bierschwale 28. November 2007, 11:51 Uhr

Die Ostwestfalen werden zum Vorreiter eines neuen Trends in der Handball-Bundesliga: Ex-Stars wie Volker Zerbe, Daniel Stephan und Markus Baur übernehmen Verantwortung, Sponsoren sorgen für frisches Geld. Es geht aufwärts beim Meister von 2003. Aber Fans fürchten um die Tradition des Klubs.

Wechselt vom Spielfeld ins Büro: Lemgos früherer Welthandballer Daniel Stephan

Hin und wieder muss Daniel Stephan seinen Ruhestand noch aufgeben. Der einstmals beste Handballspieler der Welt half seinen Kollegen auch beim Gastspiel am Mittwoch in Hamburg wieder als Stabilisator der Abwehr. Mehr lässt der geschundene Körper nicht zu. Der alternde Star des TBV Lemgo ist eigentlich schon gar nicht mehr aktiv. Verletzungen hatten ihn in seiner Karriere immer wieder geplagt, die chronisch malade Schulter verweigerte irgendwann den Dienst. Auch deshalb nahm Stephan, 34, bereits seinen Abschied vom aktiven Handball. Er ist nun Sportlicher Leiter des Bundesligaklubs, die Mannschaft unterstützt er wie beim 26:26 gegen den HSV nur noch als Aushilfsspieler.

Besonders schwer ist dem Welthandballer von 1998 der Rollentausch auf Raten aber nicht gefallen. Er trifft ja auf alte Bekannte. Volker Zerbe, mit Stephan zusammen spielprägendes Element der jüngeren Klubhistorie, ist inzwischen Geschäftsführer des Vereins und derzeit auch noch als Interimstrainer tätig. In fünf Wochen kommt mit dem Kapitän der Nationalmannschaft, Markus Baur, ein weiterer ehemaliger Mitspieler als Coach und Sportdirektor zum TBV. Die neue Führungstroika trägt das Gesicht des alten Teams, das 2003 mit 62:6 Punkten zur Meisterschaft geprescht ist und seinerzeit einen Ligarekord aufgestellt hat. So viel geballte sportliche Kompetenz in der Führungsriege gibt es derzeit ansonsten wohl nur noch beim FC Bayern München mit Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Stephan betont mit Nachdruck: „Wir müssen die Rollen jetzt mit Leben füllen.”

Drei Millionen vom neuen Trikotsponsor

Lemgo folgt damit dem Beispiel vieler anderer Bundesligavereine, die ehemalige Stars für das operative Geschäft eingespannt haben. Gleich elf Klubs setzen auf einstige Spieler als Manager oder Sportdirektor. Doch nur der TBV betreibt jenes Personalprozedere derart konsequent. Und während der Klub das neue Dreigestirn als Imageträger zu etablieren versucht, gewinnt im Hintergrund ungestört der Hauptsponsor an Einfluss. Es ist nämlich zuvorderst der Heristo AG zu verdanken, dass der TBV auf die seit dem gemeinsamen EM-Gewinn 2004 als „Goldene Generation” gepriesene Riege setzen kann. Das Nahrungsmittelunternehmen aus Bad Rothenfelde ist seit dieser Saison Trikotsponsor und Hauptgeldgeber. Allein im vergangenen Jahr erwirtschaftete Heristo einen Gesamtumsatz von 1,34 Milliarden Euro - da mutet das Sponsoring des Handballklubs mit geschätzten zwei bis drei Millionen Euro per annum zunächst bescheiden an. Doch dem TBV ermöglicht es, zu investieren und den verloren geglaubten Anschluss an die Großen der Branche wie Kiel oder Hamburg wiederherzustellen. „Unser Ziel ist es, in den nächsten drei Jahren wieder um die Meisterschaft zu spielen”, sagt Stephan.

Für das Engagement sichert sich die AG im Verborgenen die Macht. Gleich vier von sieben Beiratsmitgliedern des TBV stellt Heristo. Hinzu kommt mit Ralf Weber, Sohn des Modeunternehmers Gerry - in dessen Stadion in Halle der TBV einige Heimspiele austrägt -, ein weiterer Vertreter aus dem Sponsorenkreis. Die Spielbetriebsgesellschaft nennt sich inzwischen schon „TBV ProVital Lemgo GmbH & Co. KG”. ProVital ist eine Marke im Portfolio von Heristo. Demnächst, so fürchten nicht nur die Traditionalisten unter den Anhängern, könne der Sponsor gar auf die komplette Umbenennung des Vereins drängen. Die Sorge ist begründet. Zum einen votierten bei der Hauptversammlung des Gesamtvereins in einer Probeabstimmung 93,6 Prozent der Mitglieder für eine mögliche Umbenennung. Zum anderen scheinen inzwischen Klubs aus allen Ligen auf der Suche nach neuen Geldquellen zunehmend bereit, die Macht aus der Hand zu geben.

Der Vereinsname muss bleiben

Jena scheiterte kürzlich mit einem derartigen Vorhaben am Veto der Fußball-Liga und musste die russischen Geldgeber vertrösten. Hannover 96 will notfalls mit juristischen Mitteln den Einstieg von Großinvestoren ermöglichen und prüft derzeit eine Klage gegen die „50+1”-Regel, nach der ein Klub bei einem Unternehmenseinstieg noch die Anteilsmehrheit behalten muss. Frank Bohmann beobachtet dieses Gebaren mit Argwohn. „Unternehmerischer Einfluss ist prinzipiell gut. Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht zum Spielball von Sponsoren macht”, sagt der Geschäftsführer der Bundesliga. Sollten die Avantgardisten aus der Provinz zu weit gehen, drohen Konsequenzen. „Die Betreibergesellschaft kann sich nennen, wie sie will. Das sehen wir ganz entspannt”, sagt Bohmann. „Was wir nicht entspannt sehen, sind die Vereinsnamen. Wenn Lemgo sich morgen TBV ProVital Lemgo nennen würde, werden sie aus der Bundesliga ausgeschlossen.”

Für Stephan wären derartige Sanktionen Auswüchse einer Doppelmoral. „Was macht denn die Bundesliga?” fragt er und gibt gleich die Antwort: „Die nimmt Toyota als Namenssponsor auf, darüber muss man auch mal diskutieren.” Ohnehin sei das Engagement von Heristo in Lemgo nicht unermesslich hoch. „Einige meinen, die regieren bei uns wie Abramowitsch beim FC Chelsea, das ist Quatsch”, sagt er. Sein Klub könne jetzt nicht x-beliebige Spieler holen. „Die bringen ihr wirtschaftliches Know-how bei uns ein, wir haben die sportliche Kompetenz. Das halte ich für eine sinnvolle Verbindung.”

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