Interview über Freistellung
“Tief enttäuscht”
17.09.09
Bielefeld/Lemgo (mt). Beim Handball-Publikum gelten sie als Helden, dennoch entzog ihnen die Lemgoer Vereinsführung das Vertrauen. Markus Baur (38) und Daniel Stephan (36), viele Jahre das Herzstück der deutschen Nationalmannschaft, haben den Bundesligisten TBV Lemgo als Spieler zur Meisterschaft 2003 geführt und hätten ihn nun als Verantwortliche mit der Millionen-Unterstützung von Hauptsponsor Heristo wieder zur Branchenspitze führen sollen. Weil man ihnen das nach der verpassten Qualifikation für die Champions League nicht mehr zugetraut hatte, wurde Trainer Baur am vergangenen Mittwoch, einen Tag vor dem ersten Bundesligaspiel, beurlaubt. Und mit ihm der sportliche Leiter Daniel Stephan. Die radikale Vorgehensweise des vom Hauptsponsor kontrollierten Beirats, die Bundestrainer Heiner Brand an Vorgänge aus dem Fußball erinnert, wirft eine Menge Fragen auf. Im Gespräch mit Stephanie Fust äußert sich Daniel Stephan erst- und vorerst auch letztmals zu den Hintergründen seiner Freistellung.
Herr Stephan, Sie waren 15 Jahre lang beim TBV Lemgo als Spieler und sportlicher Leiter tätig. Vor einer Woche sind Sie freigestellt worden. Wie geht es Ihnen?
DANIEL STEPHAN: Ich bin traurig und enttäuscht. Aber es muss weitergehen, und ich bin immer ein Typ gewesen, der sich nach Rückschlägen, zum Beispiel Verletzungen, schnell wieder aufgebäumt hat. Aber der Stachel sitzt natürlich tief. Es wird Zeit brauchen, bis ich das verarbeitet habe.
Sie sind in Lemgo eine Art Held, der die Nähe zu den Fans nie gescheut hat. Wie begegnen Ihnen die Menschen jetzt auf der Straße?
STEPHAN: Lemgo ist zu meinem Lebensmittelpunkt geworden. Und ich habe mich bewusst dafür entschie-den, mich nicht zu verstecken. Ich habe viel positives Feedback bekommen. Dass die Menschen die Ge-schehnisse differenzierter betrachten und mit mir mitfühlen, gibt mir ein gutes Gefühl.
Markus Baur ist aufgrund der “negativen sportlichen Entwicklung” freigestellt worden. Und Sie?
STEPHAN: Ganz ehrlich, ich weiß bis heute nicht, was sie mir anlasten. Ich bin am Mittwochmorgen zum Mehrheitsgesellschafter nach Bad Rothenfelde zitiert worden. Da wurde mir mitgeteilt, dass Markus Baur ab sofort beurlaubt wird und dass man mich als Interimstrainer installieren möchte. Daraufhin habe ich mir Bedenkzeit erbeten. Die wurde mir bis abends gewährt. Ich habe dann das Angebot abgelehnt, woraufhin man mich ohne Begründung von meinen Aufgaben freigestellt hat.
Warum haben Sie die Aufgabe als Interimstrainer abgelehnt?
STEPHAN: Einer der Gründe ist die Art und Weise, wie man mit Markus Baur umgegangen ist. Ein weiterer, dass man mich in meiner Funktion als sportlicher Leiter nicht in die Überlegungen einbezogen hat. Über die anderen Gründe werde ich öffentlich nicht sprechen.
Hätten Sie eine derartige Vorgehensweise beim TBV für möglich gehalten?
STEPHAN: Eher nicht. Die Beurlaubung in dieser Art und Weise ist enttäuschend. Ich kann ja die vergange-nen 15 Jahre nicht einfach so wegwischen. Ich hätte mir natürlich einen positiven Abgang, wie ich ihn als Spieler hatte, gewünscht. Der TBV hat in der Vergangenheit ja gerade aufgrund der persönlichen Führung positive Zeichen gesetzt.
Im Herbst 2007, kurz nachdem Heristo als Mehrheitsgesellschafter, Haupt- und Trikotsponsor beim TBV eingestiegen war, haben Sie Vergleiche zum FC Chelsea und dessen Eigentümer Roman Abramowitsch als Quatsch zurückgewiesen. Sehen Sie das heute auch noch so?
STEPHAN: Dazu kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Das müssen andere beurteilen.
Aber es ist doch so, dass der Sponsor den Verein kontrolliert. Heristo stellt von sechs Beiratsmit-gliedern immerhin fünf. Ist das der Preis, den der Verein für den Erfolg zahlen muss?
STEPHAN: Der TBV stand damals vor der Situation, dass er ohne den Sponsor und jetzt Mehrheitsgesell-schafter Heristo finanziell nicht in der Lage gewesen wäre, unter den Top 5 mitzuspielen. Wenn man erst mal oben mitgespielt hat, lässt sich Mittelmaß eben nicht mehr verkaufen. Deshalb ist man diese Verbindung eingegangen.
Und das Persönliche geht zwangsläufig dabei verloren?
STEPHAN: Eines ist doch klar: Der Handballsport kommt nicht darum herum, professionelle Züge zu zeigen. Aber das, was den TBV ausgemacht hat, war die persönliche Nähe. Auch deshalb konnte es gelingen, so viele deutsche Topspieler zu holen. Die Kunst ist es wohl, Professionalität zu verkörpern und dabei eine per-sönliche Atmosphäre zu bewahren.
Glauben Sie, dass es diesbezüglich im Handball künftig Verhältnisse wie im Fußball geben wird?
STEPHAN: Wir orientieren uns natürlich am großen Bruder Fußball. Und sehen wir uns die Top 4 in der Handball-Bundesliga doch mal an: Kiel ist gewachsen durch Erfolge, Hamburg und die Rhein-Neckar-Löwen nur durch großzügige Mäzene, und auch Lemgo kann die Spitze nur halten, weil es dort einen Mann gibt, der den Verein überdimensional unterstützt.
Fynn Holpert, der als Beiratsmitglied Ihre Beurlaubung mitveranlasst hat, gilt seit Jahren als Ihr Freund. Wird Ihre Freundschaft das aushalten?
STEPHAN: Das möchte ich nicht in der Öffentlichkeit austragen. Nur so viel: Die Enttäuschung sitzt tief, und es wird sicher schwierig.Was hätten Sie sich denn gewünscht?
STEPHAN: Ich hätte mir gewünscht, dass man mit Markus und mit mir über die sportliche Situation disku-tiert, sich mit uns auseinandersetzt. Sie hätten ja auch einfach mal fragen können, welchen Weg wir einsch-lagen wollen, um in den ersten Bundesligaspielen positiv zu punkten. Man hätte Markus, wenn überhaupt, auch ein Ultimatum, meinetwegen bis zum fünften Spieltag, setzen können. Wir hatten nach der verpassten Qualifikation für die Champions League ja bereits erste Maßnahmen eingeleitet.
Haben Sie sich im Nachhinein etwas vorzuwerfen?
STEPHAN: Menschen machen Fehler. Ich mache mir derzeit darüber Gedanken, ob ich auch etwas falsch gemacht habe.
Es soll einen Riss zwischen Mannschaft und Trainer gegeben haben.
STEPHAN: Das kann ich nicht bestätigen. Ein Trainer oder auch sportlicher Leiter muss Vorgaben machen, und es gab keinen, der nicht mitgezogen hat. Ein Spieler hat sich sogar für seine Leistung in Leon entschul-digt. Viele Spieler haben sich bei Markus Baur oder auch mir nach der Beurlaubung gemeldet und haben sich betroffen gezeigt. Wir haben etliche Spieler mit einem tollen Charakter in unserem Team. Ich wünsche ihnen ganz viel Erfolg in der Zukunft.
Während Ihrer Spielerkarriere hatten sie genügend Angebote anderer Klubs. Bereuen Sie jetzt, dem TBV über die Jahre die Treue gehalten zu haben?
STEPHAN: Ganz klar: nein. Ich trenne die Spielerkarriere und die des sportlichen Leiters. Ich habe mich nie gegen einen anderen Verein entschieden, sondern immer für den TBV Lemgo. Der Verein ist mir sehr ans Herz gewachsen, ich habe hier als Spieler einiges mit aufgebaut. Ich habe viel gegeben, aber ich habe auch viel bekommen.
Was werden Sie jetzt tun?
STEPHAN: Mein Vertrag geht noch knapp zwei Jahre. Und wenn wir uns nicht auf einen Auflösungsvertrag einigen können, werde ich erst mal nicht viel machen. Auf jeden Fall werde ich aber die Trainer-A-Lizenz machen. Und mein Lebensmittelpunkt wird weiter in Lemgo sein. Hier fühle ich mich wohl, hier möchte ich bleiben.
