Handballkrimi gegen Spanien

Spielentscheider: Daniel Stephan

FAZ.NETOlympia 2004Bälle & Schläger

Gefühltes Gold
Von Christian Eichler, Athen

25. August 2004 Jeder hatte seinen eigenen Film im Kopf. Jeder Film war reif für einen Oscar. Stefan Kretzschmar war die Szene ins Hirn gebrannt, als er erschüttert dastand nach seinem Fehlwurf im Sieben-Meter-Drama, mit dem Gefühl, “daß du das Ding verloren hast”. Henning Fritz hatte die Nacht im Bett wachgelegen und “das ganze Spiel”, den ganzen dramatischen Streifen noch mal vor Augen gehabt; die dreißig Würfe, die er hielt, die drei im Siebenmeterwerfen.

Heiner Brand konnte noch am Morgen danach kaum eine einzelne Filmszene herauslösen, ganz gegen seine Trainergewohnheit, noch am selben Abend Partien per Video zu analysieren, zu rationalisieren - zu emotional war es zugegangen, zu aufwühlend; statt Video gab es ein, zwei Bier und zufriedene Leere. Und Christian Schwarzer erinnerte sich nur wie durch eine Nebelwand, daß alles “abgelaufen war wie im Film”. In dem war er “wie in Trance hoch- und runtergelaufen”, von der körperlichen und mentalen Belastung “völlig ausgesogen, bis man gar nicht mehr weiß, was passiert”.

Was passiert war, drückt die kühle Zahlensprache des Sports so aus: Deutschland - Spanien 32:30 (27:27 nach regulärer Spielzeit, 1:1 in der ersten Verlängerung, 2:2 in der zweiten, 2:0 im Siebenmeterwerfen). Die hitzige Bildsprache des Sports beschreibt es ausladender: Heldenabend, Titanenwerk, Schicksalsspiel, Traumresultat. Es war nur eine Vorentscheidung, nur ein Viertelfinale in einer von 301 Disziplinen der Olympischen Spiele; aber eine, deren Dramaturgie, Spannung, emotionaler Nährwert manchen von 301 Olympiasiegen aufwiegen konnte. Es war sozusagen eine gefühlte Goldmedaille. Und die richtige soll ja noch kommen, im Finale am Sonntag.

Blackout für Blacky

Als Daniel Stephan den Krimi mit Überlänge nach 140 Minuten mit seinem Siebenmeter beendete, stürzte das deutsche Team zu ihm hin, über ihn her. Nur Schwarzer blieb völlig entkräftet an der Mittellinie stehen: Blackout für Blacky, wie sie ihn nennen. “Es brach in diesem Moment so viel auf mich ein”, sagte er zwei Infusionen und ein paar Stunden Schlaf später, “da ging nichts mehr.” Schon nach vierzig Minuten wollte er auf die Bank. Aber dann spielte er fast die ganzen achtzig Minuten durch.

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“Nur ein, zwei Minuten mußte ich mal raus.” Wann das war? “Keine Ahnung, ich hatte im Spiel den Überblick verloren, in welcher Hälfte von welcher Verlängerung wir gerade waren.” Auch anderen ging das so, als sich am Limit sportlicher Leistungs- und Leidensfähigkeit die inneren Zeitebenen und eingespielten Routinen verschoben. Einmal kam Markus Baur ins Spiel und forderte Manndeckung, wie man sie kurz vor Ende bei Rückstand und gegnerischem Ballbesitz als letztes Mittel probiert - dabei drohte noch gar nicht der Schlußpfiff, nur das Ende einer Hälfte einer Verlängerung.

Mit dem Rücken zur Wand

Torwart Henning Fritz, der 51 Prozent aller Würfe hielt, war zu Recht der gefeierte Mann. Doch der stille Gewinner hieß Christian Schwarzer, der 34jährige, nimmermüde Veteran am Kreis - ein sachlicher Norddeutscher, der in Barcelona gespielt hat, mit vielen Spaniern befreundet ist und auch im Triumph ihre Enttäuschung nachfühlen konnte. Ein Torwart steht immer im Blickpunkt, ein Kreisläufer steht immer mit dem Rücken zur Wand: einer menschlichen Wand aus schiebenden, haltenden Zweimeterkörpern. Ein Torwart bekommt Lob für den gehaltenen Wurf - für das Tor des Kreisläufers bekommt eher der das Lob, der ihn anspielte.

“Mit welcher Durchsetzungskraft, welchem Willen er Lücken gefunden hat, die eigentlich gar nicht da waren”, sagte Bundestrainer Brand, “das habe ich noch nie bei einem Kreisläufer gesehen.” In der ersten zehnminütigen Verlängerung war den Deutschen kein einziges Tor gelungen, nur Stephans rettender Ausgleich per Siebenmeter, den Schwarzer in der letzten Sekunde herausgeholt hatte. In der zweiten Verlängerung traf nur noch Schwarzer, mit seinen Treffern acht und neun. Beim letzten, seinem 898. für Deutschland, als er den Spaniern einen Abpraller wegschnappte, wußte der Gerd Müller des deutschen Handballs auch am Morgen danach nicht, “wo der Ball eigentlich herkam”. Brand wußte nur so viel: “Seine Tore haben uns gerettet, nicht nur die Paraden von Henning Fritz.”

Dutzende SMS auf dem Handy

Die Resonanz war gewaltig: Handball als deutsche Herzenssache, immer wieder neu entdeckt. Dutzende SMS auf dem Handy, die Mailboxen voll, bei Kretzschmar auch eine Gratulation von Basketballstar Dirk Nowitzki. “Man sieht, wie die Leute zu Hause mitfiebern”, sagte Schwarzer. “Wir werden alles tun, daß es noch mehr wird.” Daß der Halbfinalgegner Rußland heißt, stärkt die Zuversicht. Es ist eine alte, eher langsame Mannschaft mit dem 42jährigen Torwart Andrej Lawrow, der im Viertelfinale Favorit Frankreich entnervte.

“Die Russen liegen uns eigentlich gut”, findet Brand. Schwarzer sagt es mit der speziellen Mischung aus tatkräftiger Erschöpfung und souveräner Wurstigkeit, die nach einem solchen Spiel ausdrückt, daß einen nun nichts mehr erschüttern kann: “Die Russen müssen sich über uns Gedanken machen, nicht umgekehrt.” Angstgegner bezwungen, Glück erzwungen - bei so viel psychischer Befreiung konnten die physischen Lasten nicht lange drücken. “Die EM war viel härter, acht Spiele in zehn Tagen”, fand Schwarzer. Bei Olympia bleibt mehr Zeit fürs Erholen. Am Mittwoch wurde nur gejoggt, dann war freier Nachmittag mit Frauen und Familien, und abends zur Leichtathletik.

Krimi, Melodram, Monumentalstreifen

Entspannung nach einem Film, der alles war, Krimi, Melodram, Monumentalstreifen - auch Werbefilm für eine Wiederentdeckung: deutsche Tugenden, Folge X, Fortsetzung sicher. “Wir haben nie aufgegeben”, sagte Schwarzer. “Wir haben die Tugenden gezeigt, vor denen die anderen Angst haben.” In Sydney 2000, sagte Brand, “waren wir spielerisch stärker, aber keiner hat uns was dafür gegeben”. Diesmal ist weniger Spiel im Spiel, aber mehr Wille und Glaube und Glück.

Für viele im Team wird es das letzte Turnier sein, die letzte Chance - sie suchen sie mit letzter Entschlossenheit. So wie Christian Schwarzer. Die letzte große Rolle, und der Titel des Films: vielleicht “Abschiedstour zum Gold”? Frage an den Star, ob es das trifft? “Sieht ganz so aus.” Freitag gegen Rußland, vielleicht noch so ein Schwarzer-Tag für den deutschen Handball.


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 8. 2004, Nr. 198.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb, Reuters

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