Handball-EM: Interview mit Daniel Stephan
Sportverlag 2002
Herzlichen Glückwunsch zur Halbfinal-Teilnahme. Zufrieden?
Klar. Endlich haben wir auch mal das Glück gehabt, dass uns eine andere Mannschaft unterstützt und wir davon profitieren. Das Etappenziel ist erreicht.
Etappenziel? Da soll offenbar noch mehr kommen.
Mal schauen. Hier kann noch was passieren. Aber um der nächsten Frage zuvor zu kommen: Eine Prognose wage ich nicht.
Bei allem sportlichen Ehrgeiz scheint die vordringlichste Aufgabe in den vergangenen Tagen die Nahrungsbeschaffung zu sein.
Stimmt. Das Essen und auch die Portionen sind bescheiden. Gestern Abend gab es Nudeln mit Tomatensoße. Das war bislang das beste. Ich kann mich durchaus darauf einstellen, hier bis zum Veranstaltungsende Pasta mit Ketchup zu essen.
Ist das der Grund, weshalb das Offensivspiel - zumindest in der Abteilung Rückraum - lahmt?
Wir haben vorne gar nicht so schlecht gespielt, wie es den Anschein hat. Wir schaffen es nur nicht, die Bälle auch reinzumachen. Weshalb wir um ein Haar die Früchte unserer Arbeit nicht hätten ernten können.
Andererseits zeigten gerade die Spiele gegen Spanien und - mehr noch - gegen Slowenien, dass die Mannschaft stabil genug ist, auch mit Vier-oder Fünf-Tore-Rückständen umgehen zu können.
Die Moral in der Mannschaft ist absolut in Ordnung. Wir haben uns am Riemen gerissen und nie aufgegeben. Spielerisch haben wir eine Schippe draufgelegt und entsprechend Druck im Angriff aufgebaut. Und natürlich haben wir auch ein bisschen Schussglück gehabt, was uns häufig genug fehlte.
Fast 40 Bälle hat das Team in dem von Ihnen angesprochenen Spiel verschossen.
Die Statistik bescheinigt Ihnen bei allem Lob eine wenig schmeichelhafte
Wurfeffizienz. Für Ihre sechs Treffer benötigten Sie 15 Versuche. Statistiken haben den Trainer zu interessieren, für mich zählt das, was unter dem Strich dabei herauskommt - eben das Ergebnis. Wir sind im Halbfinale, das ist entscheidend. Und solange wir gewinnen, können wir ruhig noch mehr verschießen.
Ihre Stärken liegen ohnehin woanders.
Mit meinen Schüssen bin ich wirklich noch nicht zufrieden. Doch das wird von Spiel zu Spiel besser. Aber alles andere ist in Ordnung. Meine Quote als Assistgeber ist gut, meine Pässe kommen an. Und auch in der Abwehr klappt es reibungslos. Da bin ich intakt.
Und auch als Motivator scheinen Sie Ihre Rolle gut auszufüllen.
Wenn die Spiele nicht so laufen, wie sie sollen, dann muss man halt was machen. Ich habe gefordert, die Bälle schnell zu machen. Das treibt automatisch die Konzentration nach oben. Da muss ganz einfach mal gepusht werden.
Allerorten wird kolportiert, Heiner Brand sehe in Ihnen schon wieder den Daniel Stephan des Jahres 1998 vor seinen Verletzungen. Schmeicheln Ihnen derartige Komplimente?
Das kann ich eigentlich nicht mehr hören. Wenn man zwei Jahre lang nur über irgendwelche Verletzungen reden musste, dann hat man irgendwann keine Lust mehr. Wer die Bundesliga-Saison bislang verfolgt hat, der hat gesehen, dass es mir wieder gelingt, meine Leistung konstant auf hohem Niveau zu halten. Ich habe einfach keine Lust mehr, auf diese Frage anzuspringen. Was war, ist passé. Was zählt, ist der Jetzt-Zustand. Ob ich so gut oder so schlecht wie vor drei Jahren bin, ist mir egal. Gegenwärtig interessiert mich diese Europameisterschaft…
…bei der Sie mehr und mehr alte Führungsqualitäten offenbaren.
Ich versuche halt, das Heft in entscheidenden Situationen in die Hand zu nehmen. Glauben Sie mir, die Spiele schlauchen gewaltig. Schon nach dem Frankreich-Spiel zum Auftakt hatte ich nach dem Schlusspfiff das Gefühle, eine ganze EM gespielt zu haben.
Das Programm ist wahrlich nicht von Pappe. Sechs Spiele in sieben Tagen: Wo bleibt die Zeit zum Auftanken?
Eigentlich nachts. Dumm ist nur, dass ich nach Spielen, die mich mental stark fordern, nur schwer einschlafen kann. Nach dem Spanien-Spiel beispielsweise habe ich morgens um vier zum letzten Mal auf die Uhr geschaut.
Wie geht man damit um?
Ich lese viel oder sehe fern. Ich hatte eine üppige DVD-Sammlung mitgebracht, aber damit bin ich schon komplett durch. Ablenkung ist das oberste Gebot.
Teile der Mannschaft sehen von Tag zu Tag ungepflegter aus. Haben Sie eine Wette um Ihren Bartwuchs abgelegt?
Das hatte anfangs gar nichts zu bedeuten. Uns fehlte ganz einfach die Zeit dazu. Aber als wir Erfolg hatten, haben wir uns vorgenommen, unseren Tagesablauf nicht mehr zu ändern. Jeden Tag die gleichen kleinen Rituale, jeden Tag die gleichen Abläufe. Dazu gehört eben auch, sich nicht zu rasieren.
Die Erfolgsserie muss nicht unbedingt gegen Island abreißen. Aber verspüren Sie nach der Qualifikation noch Druck vor dem Spiel.
Druck verspüren wir eigentlich vor jedem Spiel. Außerdem geht es ja noch um den Gruppensieg und eine entsprechend günstige Ausgangsposition für das Halbfinale. Und dann sind da ja noch die beiden Niederlagen auf Island in der Vorbereitung. Das alles sollte Motivation genug sein.
Das Gespräch führte Arnulf Beckmann