Goldener Arm, dick bandagiert
31.10.2003 15:27 Uhr
Handballer Daniel Stephan
Acht schwere Verletzungen in vier Jahren: Handballer Stephan ist beim Supercup-Turnier wieder einmal zurück im Nationalteam.
Von Christian Zaschke
Leipzig - Dieser ältere Mann geht vorbei, Daniel Stephan schreibt gerade Autogramme für junge Mädchen, und der ältere Mann, er mag 50 Jahre alt sein, krächzt: „Hehe, je größer die Männer, desto kleiner die Mädchen”, und dann lacht er wie eine Hexe aus dem Märchen. Stephan schaut kurz irritiert, er streicht mit der linken Hand über den rechten Daumen, dann schreibt er wieder Autogramme. Der Mann geht weiter, unbeachtet, sofort vergessen, doch mit seiner krächzenden Stimme und seinem Hexenlachen wirkte er ein wenig wie ein Überbringer schlechter Botschaften. Es war einfach ein alter Mann, der Blödsinn redete, doch wann immer es um Daniel Stephan ging, war in den vergangenen Jahren die schlechte Kunde meist nicht weit.
Eine Viertelstunde zuvor hatte er mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft das erste Vorrundenspiel des Supercups in Leipzig und Riesa 25:30 gegen Schweden verloren. Die anderen Spieler waren längst in der Kabine, lediglich Stephan stand noch am Rande des Parketts, schrieb, posierte für Fotos, gab Radio- und Fernsehinterviews, lächelte. Er hatte nicht besonders gut gespielt, aber er war wieder dabei. Das allein war etwas besonderes.
Wenn der alte, krächzende Mann bedeutungslos war, wenn also alles normal bleibt und normal läuft, dann „brauche ich noch vier oder fünf Spiele, bis ich wieder voll drin bin”, sagt Stephan. Zwei, drei Spielzüge sind hinzugekommen, seit er zuletzt im Nationalteam gespielt hat, „die muss ich noch verinnerlichen”, aber ansonsten, findet er, „muss man sich nicht unter Druck setzen”. Erstaunlich ruhig ist er für einen, der in den vergangenen vier Jahren acht schwere Verletzungen hatte.
Von 1993 bis 1999 hat Daniel Stephan, der beim TBV Lemgo unter Vertrag steht, kein Bundesligaspiel verpasst, er wurde 1998 als erster Deutscher „Welthandballer des Jahres”, bei der EM 1998 wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt. Er spielte einen unorthodoxen, teilweise fantastischen Handball, der Kieler Trainer Noka Serdarusic sagte damals: „Wenn ich erklären sollte, wie er seine Tore wirft - es würde mir schwer fallen. Er wirft aus Situationen, wo du als Trainer eigentlich verrückt wirst.” Bundestrainer Heiner Brand meint: „Er ist ein Hundert-Prozent-Spieler.”
Am Rande des Parketts in Leipzig sagt Daniel Stephan: „Ich kann es nicht in Prozent ausdrücken. Ich bin auf einem guten Weg. Vielleicht fehlen zehn, 15 oder 20 Prozent.” Die fehlen wegen seiner vier Jahre währenden Verletzungsgeschichte.
Das Protokoll des Leidens: Bei der Vorbereitung auf die WM 1999 bricht er sich den Mittelhandknochen. Die WM läuft ohne ihn. Im September 1999 reißen die Bänder im Fuß. Trotzdem spielt er bei der EM 2000, er spielt nicht gut und stellt fest: Der Daumen an der vormals gebrochenen Hand steht falsch. Operation, sechs Wochen Gips. Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney: Prellung im Schultergelenk. Olympische Spiele, Partie gegen Jugoslawien: Kapselriss und Bänderdehnung im linken Sprunggelenk. Stephan damals: „Der Tiefpunkt meiner Karriere.” Wenn er gewusst hätte.
Gerade genesen erleidet er im Europacupspiel gegen Trimo Trebnje eine Knochenabsplitterung am zweiten Daumengelenk der rechten Hand, der zweimal operierten. Die WM 2001 läuft ohne ihn. Lichtblick: Stephan spielt die EM 2002. Dann meldet sich Achillessehne. Mal ist sie gereizt, mal nicht, dann ist sie sehr gereizt. Die WM 2003 läuft ohne Stephan. Unmittelbar nach der WM spielt Stephan schon wieder in der Bundesliga. In der Partie gegen Kiel reißt die Achillessehne, ein halbes Jahr Pause. Das war im Februar.
Jetzt sagt Daniel Stephan: „Man muss schon ein bisschen auf seinen Körper aufpassen.” Eine Erklärung hat er nicht für den Wandel vom niemals Verletzten zum Dauerverletzten. Ob er seinen Körper überlaste? Stephan sagt, was er in den vergangenen Jahren öfter gesagt hat: „Es ist müßig, darüber zu spekulieren.” Ist es das?
Bis zum Jahresende wird er mit Lemgo in der Bundesliga und im Europapokal spielen, hier und da ist ein Länderspiel eingestreut, so dass sich ein konstanter Spielrhythmus ergibt: Mittwoch-Samstag-Mittwoch. Am heutigen Freitag tritt die Nationalmannschaft gegen Russland an, es geht um den Einzug ins Halbfinale. Geht er voll hinein in die Zweikämpfe? Stephan lächelt. Er überlegt. Dann sagt er: „Man darf es nicht laut sagen, aber man geht natürlich anders rein bei so einem Turnier, als bei einer Europameisterschaft oder in der Bundesliga. Das soll nicht heißen, dass ich nicht alles gebe. Aber ich habe schon so viel erlebt mit meinem Körper.” Es soll wohl heißen, dass der 100-Prozent-Mann Daniel Stephan gelernt hat, sich seine Kraft einzuteilen. „Also”, sagt er, „Angst habe ich keine.” Er sagt es ganz ernst jetzt, als ob es wichtig wäre, keine Angst zu haben.
Die Freiheit von Angst war eine der Grundlagen für seinen spektakulären Spielstil. Er hatte keine Angst zu scheitern, deshalb warf er aus unmöglichen Lagen und traf. Er spielte nicht auf Sicherheit. Am Mittwoch blitzte dieser Stil zwei-, dreimal auf, wenn er mit aggressiven Pässen das Spiel antrieb, doch wie damals spielt er noch nicht. Bundestrainer Brand brummte nach dem Spiel: „Ich erwarte keine Wunderdinge, er soll sich erst einmal wieder ins Mannschaftsspiel einfügen.”
30 Jahre alt ist Stephan jetzt. Das Magazin Stern nannte ihn einmal den „Mann mit dem goldenen Arm”. Bei Spielen ist die Hand am Ende dieses Armes am Daumen dick mit weißem Tapeband umwickelt. Erinnerung an die Brüche. Beim Reden nach dem Spiel streicht Stephan unbewusst mit der linken Hand über diesen rechten Daumen, immer wieder einmal. Er hat keine Angst vor neuen Verletzungen. Aber er fühlt die Spuren der alten.