Ein Mann, der alles kann

Sportmagazin Kicker, 22.03.1999

Daniel Stephan ist als erster Deutscher zum Welthandballer des Jahres gewählt worden. Eine Folge seines universalen Leistungsvermögens.

Vor ein paar Jahren hat er mal im kicker gesagt, daß es sein größter Traum wäre, beim 1. FC Köln Mittelstürmer zu spielen und von Pierre Littbarski mit Flanken gefüttert zu werden. Damals war Daniel Stephan zwar schon 1,98 Meter groß, aber ein Niemand in der Sportwelt. Heute haben sich die Verhältnisse verkehrt. 1. FC Köln? Dümpelt in der 2. Liga. Pierre Littbarski? Irgendwo in Süd-Ostasien als Fußballentwicklungshelfer. Und Daniel Stephan? Ganz oben auf der Promi-Leiter. Sie haben ihn gerade zum Welthandballer der Jahres 1998 gewählt. Der erste Deutsche, dem diese Ehre zuteil wurde. Und das, obwohl dieses Land das rasante Spiel erfunden und Handball-Helden wie Hein Dahlinger, Bernhard Kempa und später in der Halle Herbert Lübking, Paul Tiedemann, Klaus Langhoff und Joachim Deckarm hervorgebracht hat. Man hat halt in der großen Zeit des deutschen Handballs nicht gewählt. Um so mehr schlug Stephans Krönung jetzt wie eine Bombe ein. Für einen allerdings kam die Wahl nicht überraschend: Paul Tiedemann, “Vater” des DDR-Olympiasiegs 1980, sagte schon am Rande der EM 1998, die mit dem dritten Platz endlich mal wieder einen Erfolg für den deutschen Handball brachte: “Der Spieler, der mich hier am meisten überzeugt, ist Daniel Stephan, weil er einer ist, der alles kann. Im Gegensatz zu Dujschebajew und Richardson, die für mich nur Teilzeitkräfte sind. Der eine kann nur angreifen, der andere nur verteidigen. Daniel Stephan ist für mich der komplette Handballer schlechthin!”

So äußerte sich in diesen Tagen auch der DHB-Sportdirektor Arno Ehret. Überraschend, eigentlich galt in seiner Bundestrainer-Zeit nicht als Stephan-Förderer. “Ich brauche jemand, der auf der Mittelposition ein Spiel lesen kann”, urteilte Ehret und setzte bei der EM 1994 der WM 1995 und Olympia 1996 auf den für SC Magdeburg spielenden Ex-Litauer Vigindas Petkevicius. Inzwischen haben auch die Magdeburger eingesehen, wer der bessere Mittelmann ist und haben Daniel Stephan ein finanziell hervorragendes Angebot gemacht. Sie lagen damit im Wettbewerb mit dem THW Kiel, “das des Überlegens wert war” (Stephan). Inzwischen hat er über 100 Länderspiele für den DHB bestritten und ist mit dem Beinahe-Teamgefährten in Magdeburg, Stefan Kretzschmar, eine Kult- und Integrationsfigur im deutschen Handball geworden. Aber in solch einer Situation zeigt sich eben doch, daß er nicht nur auf dem Spielfeld ein kompletter Handballer ist. Der aus der Jugend des OSC Rheinhausen entwachsene Rückraumspieler setzte seinem neuen Klub TBV Lemgo kürzlich die Pistole auf die Brust: “Bevor ich meinen Vertrag verlängere, möchte ich erst mal wissen, wie hier der Hase in nächster Zeit langläuft.” Das hat sicherlich die Provinzfürsten in Ostwestfalen-Lippe beeindruckt, denn sie haben flugs ihre heimische Halle ausgebaut und als adäquaten Nebenmann für ihren Superstar Daniel Stephan den russischen Weltmeister Pogorelow unter Vertrag genommen. Denn Daniel Stephan möchte nicht allein und für seine Fans glänzen. Zwei hohe Ziele hat er sich für die nächste Zeit gesetzt: Mit Lemgo Deutscher Meister und mit der Nationalmannschaft Weltmeister 1999 werden! Die Wahl zum “Welthandballer des Jahres 1998” kommentiert der 25jährige nur kurz und knapp: “Ich werde deswegen ganz bestimmt nicht abheben!” Aber genau das erwarten der deutsche Handball und seine Fans von dem überragenden Sprungwurf-Schützen.

Von HANS-DIETER BARTHEL

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