Der unglaubliche Fritz

Der unglaubliche Henning Fritz.

25.08.2004 06:52 Uhr

Zweimalige Verlängerung und Siebenmeterwerfen: Beim deutsch-spanischen Handball-Krimi riss die Spannung die Zuschauer von den Sitzen. In diesem Tosen kämpften die Deutschen verbissen gegen ein Trauma.
Von Christian Zaschke

Daniel Stephan also, er hat es nun in der Hand. Er steht wie am Ende eines sehr langen Weges am Ende dieses unglaublichen Handballspiels, Viertelfinale des olympischen Turniers, Deutschland gegen Spanien. Nach 60 Minuten hatte es unentschieden gestanden, 27:27, nach der ersten Verlängerung und auch nach der zweiten Verlängerung stand es unentschieden, 30:30 in einer Partie, die an den Nerven der Spieler gerissen hatte, an ihrer Kondition, an ihrem Glauben.

Die Halle schreit

Wenn Daniel Stephan nun den Siebenmeter im Tor der Spanier unterbringen würde, stünden die Deutschen im Halbfinale, es ist ihr Traum, Stephan hat es in der Hand, dass dieser Traum weiter lebt. Er nimmt den Ball, die Halle schreit, Daniel Stephan holt aus, er wirft, der Ball - er fliegt.

Tormann David Barrufet, dieser unglaubliche Toreverhinderer, reißt seine Gliedmaßen in die Luft, schnell wie ein Klappmesser, aber nicht schnell genug. Der Ball fliegt ins Tor, die deutschen Handballer haben dieses Spiel gewonnen, sind im Halbfinale gegen Russland, und Daniel Stephan sinkt zu Boden, von unglaublichem Druck befreit.
Am Ende waren es fünf Werfer aus jeder Mannschaft, die einen Sieger ermitteln mussten in einem Spiel, das wohl nach Stunden noch keinen Sieger gefunden hätte, wenn die Regel nicht nach der zweiten Verlängerung das Siebenmeterschießen verlangt. Wer sollte werfen, wer kann dem Druck standhalten?
Stefan Kretzschmar, mit seiner Vorgeschichte, dem vergebenen Wurf in letzter Minute des Viertelfinales von Sydney vor vier Jahren, als die Deutschen gegen Spanien verloren haben, 26:27? Kretzschmar trat als Erster an, und er wusste, dass er, wenn wegen seines Fehlwurfes die Mannschaft ausscheidet, diese Geschichte nicht mehr los wird, dass sie an ihn klebt wie das Harz auf dem Handball.

Alles wieder offen

Kretzschmar ist weiß im Gesicht als er antritt, er hat schlecht gespielt, er kam nicht ins Spiel, doch Bundestrainer Heiner Brand ließ ihn auf dem Feld, obwohl er Torsten Jansen auf der Bank hatte, eine exzellente Alternative. Kretzschmar wirft, Barrufet hält, und Kretzschmar blickt zum Dach des Sport Pavillons zu Faliro, als säße dort oder darüber jemand, der ihm das eingebrockt hat.
Volker Zerbe kam zu Kretzschmar, er klopfte ihm auf die Schulter. Ist nicht schlimm, Junge, sagte die Geste, und alles an Kretzschmar sagte: Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlimm das alles ist.
Für Spanien tritt Hernandez an, er wirft, Fritz hält, alles wieder offen. Unglaublicher Henning Fritz. Brand hat die Werfer bestimmt, sind ja immer die gleichen; es war nicht weiter schwierig, aber er hatte nur vier, er brauchte einen Freiwilligen. Wer ist so verrückt, in diesem Spiel, bei diesem Druck? Rechtsaußen Florian Kehrmann sagte, er wolle werfen, und Brand erzählte: „Da war ich mir eigentlich ganz sicher.”

Eine Art Fluch

Kehrmann warf, Barrufet hielt. Es schien, als läge auf den Außenspielern im deutschen Handball eine Art Fluch, auch Kehrmann hatte nicht so gut gespielt wie er kann. Gut, er hatte zu Beginn der zweiten Halbzeit einen wahnwitzigen Drehwurf im Tor versenkt, aber die zweite Halbzeit dieses Spiels war jetzt so weit weg, es schienen Stunden zu sein. Für Spanien tritt an: Belaustegui, der eiskalte Hund. Fritz hält, der unglaubliche Fritz.

Die Muskeln kalt, der Druck so groß

Was für ein Risiko: Torsten Jansen soll werfen. Saß während der gesamten Partie auf der Bank, obwohl Kretzschmar auf seiner Position nicht viel brachte. Er musste wütend sein. Nun stand er, die Muskeln kalt, der Druck so groß. Jansen nimmt den Ball, er wirft und trifft, 1:0, das erste Tor im Siebenmeterschießen.
Für Spanien tritt an gegen den unglaubliche Fritz: Garcia, der Spezialist. Fritz hält. Für Deutschland: Baur, der Kapitän, sicherer Werfer, Fehlerquote gering, so gering, er muss einfach treffen. Und er trifft einfach nicht. Der unglaubliche Fritz stellt sich wieder ins Tor. Der Mann mit dem gar nicht mal so spanischen Namen O‘Callaghan nimmt den Ball, der unglaubliche Fritz fixiert ihn.
Der Ball fliegt an den Pfosten, immer noch 1:0 nach acht Siebenmetern, das gibt es gar nicht, es ist schlichtweg unmöglich. Der unglaubliche Fritz schreit vor Glück, und Daniel Stephan nimmt den Ball, um zum entscheidenden Siebenmeter anzutreten. Ein Rausch, alles ein Rausch.
Das Spiel war intensiv gewesen, unfasslich intensiv, es lag eine Spannung in der Halle wie ein elektrisches Feld. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit begann der sportliche Irrsinn, eine Partie ohne Beispiel: 25:26 und noch dreieinhalb Minuten zu spielen, Siebenmeter für Deutschland. In dieser Phase in der tobenden Halle anzutreten erfordert Nerven aus Titan, es trat an: Stefan Kretzschmar. Er wollte ja den Fehler von Sydney tilgen, er warf, Barrufet hielt, genau wie es später wieder passieren sollte.

Die Spannung von mehreren Kraftwerken

Kretzschmar schaute aus schreckgeweiteten Augen nach rechts, und dort sah er Florian Kehrmann, der den Abpraller fing und ins Tor warf. In diesem Moment hätte Kretzschmar erneut die tragische Figur werden können. Dann: Die Deutschen gingen in Führung, die Spanier glichen aus, 27:27, Verlängerung, zweimal fünf Minuten. Kretzschmar hatte in der letzten Sekunde noch einen Wurf aus extrem spitzen Winkel angesetzt, doch Barrufet hielt.
War das Spiel bis hierhin dramatisch, so wurde es nun turbulent. Die Spannung war jetzt die von mehreren Kraftwerken, das Publikum tobte, die Partie war ein Wogen geworden. Die ersten fünf Minuten blieben torlos, die Torhüter waren brillant, die Schützen warfen nicht mehr präzise. Per Siebenmeter gingen die Spanier nach fünfeinhalb Minuten in Führung, nach sieben Minuten trafen sie die Latte, da hätte es schon vorbei sein können. Daniel Stephan kommt zum Wurf, frei, und er scheitert an Barrufet.
Die Zeit fliegt, bei 9:48 steht die Uhr, Deutschland am Ball, bei 9:54 steht sie noch einmal, dann kommt der Ball zu Christian Schwarzer an den Kreis, der sich dreht, der gefoult wird, die Uhr steht bei 10:00, Aus, doch es gibt Siebenmeter. Wer will den werfen? Kretzschmar? Daniel Stephan nimmt den Ball, als wolle er üben für das, was später auf ihn zukommt, und er wirft den Ball zum Ausgleich ins Tor, 28:28, zweite Verlängerung. Noch einmal davon gekommen. Nach der zweiten Verlängerung steht es 30:30, niemand in der tosenden Halle sitzt. Dann folgt das Siebenmeterwerfen, an dessen Ende Daniel Stephan steht und wirft.
(SZ vom 25.8.2004)

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