Der Mann mit dem goldenem Arm

Stern, 18.03.1999

Der 25jährige Daniel Stephan vom TBV Lemgo ist zum weltbesten Handballer gewählt worden - ein Hoffnungsschimmer für die darbende Sportart

Warte mal«, sagt Daniel Stephan beim Abschied, »ich hab’ da noch was«. Ein paar Sekunden später ist er wieder da und drückt dem Journalisten ein schwarzes Faltblatt im Glückwunschkarten-Format in die Hand. Vorne drauf steht - »klein-geschrieben, weil das cooler aussieht« - »setcard« und »daniel Stephan«. Innen verrät ein kunstvoll gestyltes Foto, wie ihn sein Manager gern sehen würde: stahlharter, aber lässiger Blick. Gel im Haar. Wohldosierte Schweißperlen auf der Stirn. Zum Ärger aller Girlies verschwimmt der entblößte Oberkörper unscharf im Hintergrund. Dumm nur, daß die aufwendig designte Bewerbungspappe schon vor einem Jahr gedruckt wurde. So fehlt das absolute Highlight in der langen Liste der aufgeführten Erfolge. »Welthandballer des Jahres l998« darf sich der 25jährige seit einer Woche nennen, gewählt von den Lesern des »World Handball Magazine«.

Soviel Ehre ist noch keinem Deutschen zuteil geworden. Was damit zu tun hat, daß das Image der Handballer nach einer beispiellosen Pleitenserie endgültig versaut schien. Bis die Bronzemedaille bei der EM 1998 in Italien nach langer Zeit wieder ein bißchen Sonne in die sportliche Dauerfinstemis scheinen ließ. Stephan wurde dabei von Journalisten zum besten SpieIer des Turniers gekürt. Abends nach dem Training hat er wenig Ähnlichkeit mit seinem Ebenbild aus dem Fotoatelier. Unrasiert, die Haare wirr, sitzt er in alten Trainingsklamotten mit den Nationalmannschaftskollegen in dem Gasthof, wo der finanziell klamme Handball-Bund das Team untergebracht hat. Drei Zehnjährige warten mit Kugelschreiber und Autogrammheft vor der Tür und sind furchtbar enttäuscht. Bis auf den »Handball-Punker« Stephan Kretzschmar, der mit diversen Ringen durch Lippe, Ohren und Nase und der fast täglich wechselnden Haarfarbe beim besten Willen nicht zu übersehen ist, haben sie niemanden erkannt.

»Unser Sport braucht endlich wieder ein Gesicht«, sagt Stephan und bestellt ein großes Glas Pils mit Limonade. Das Konterfei, das er anzubieten hätte, sieht noch ziemlich jugendlich aus. Trotzdem ist es für Experten wie Bundestrainer Heiner Brand keine Frage, wer von Deutschlands Handballern am ehesten das Zeug zur Leitfigur hat. Obwohl viele im Team fast doppelt so breite Schultern wie der Spielmacher über das Feld tragen, reicht sportlich keiner an ihn heran. Stephan wirft trotz vergleichsweise dünner Oberarme so hart wie die anderen Rückraumspieler. Dazu ist er noch schnell und spieltaktisch ziemlich clever. Doch was nützt das schon, wenn sich keiner für seine Sportart interessiert. Handball fristet in Deutschland ein Dasein, das selbst einem Dornröschen zu trist erschienen wäre. Jahrzehntelang die Nummer zwei nach Fußball, findet Handball fast nur noch in den Dritten Programmen und im Spartensender DSF statt. Schlagzeilen schreiben allenfalls drohende Konkurse der rettungslos verschuldeten Bundesligavereine. Selbst Europapokalsiege sind in Ermangelung echter Konkurrenz wertlos geworden - die besten Werfer spielen seit der Auflösung des Ostblocks ohnehin alle in Deutschland.

Stephan macht sich Gedanken über die Zukunft seines Sports. Auch deshalb, weil nur ein positives Image des Handballs dem Besten der Zunft Zusatzeinnahmen bescheren kann. Ganz offen und mit sympathischer Arglosigkeit spricht er davon, wen sich der »Welthandballer« als Werbepartner wünscht. Mobiltelefone vielleicht? Oder doch den Opel Astra, limited edition »daniel stephan«? Kleingeschrieben natürlich. Bis jetzt tragen bloß ein Jugendball und eine Handballkollektion des Sportausrüsters »Nike« seinen Namen. Die Amerikaner haben mit ihren Schuhen und Trikots den Markt der ansonsten eher provinziellen Sportart heftig durcheinandergewirbelt. Für eine noch erfolgreichere Zukunft setzen die Marketingstrategen auf die Wirkung des tausendfach erprobten Wechselspiels zwischen »Gut« und »Böse«. Die Rolle vom Liebling aller Schwiegermütter fällt dabei Stephan zu, den Gegenspieler gibt »Bürgerschreck« Kretzschmar. Vorauszusehen waren derartige Planspiele für den Sohn eines Beamten der Stadt Duisburg nicht. Nur einmal hat er in seinem bisherigen Leben so richtig etwas gewagt. Als sein Stammverein, der OSC Rheinhausen, den Weg in die zweite Liga antreten mußte, wählte er aus allen Angeboten das geographisch nächstliegende aus. Seit 1994 spielt er in Ostwestfalen, beim TBV Lemgo. Im Herbst vergangenen Jahres buhlten zahlungskräftigere Adressen wie Kiel und Magdeburg um seine sportlichen Dienste. Die Lokalpresse spekulierte bereits über den bevorstehenden Vereinswechsel - bis Stephan die Notbremse zog. Der Vertrag in Lemgo wurde für geschätzte 300.000 Mark brutto jährlich bis 2003 verlängert. Die Begründung für diesen voreiligen Schritt paßt zu einem Jungen aus dem Ruhrgebiet: »Endlich war wieder Ruhe im Schacht.«

Von ANDREAS BÜTTNER

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