Daniel Stephan und der Terminstreß: "Diesmal wollen wir es wirklich packen"
FAZ.NETOlympia 2004Bälle & Schläger
Die Fußballprofis haben gerade erst wieder über ihre harte Vorbereitung gestöhnt. Müssen Sie da schmunzeln angesichtsIihres Programms?
Ganz klar nein. Wir vergleichen uns nicht mit anderen Sportarten. Wir wissen, was wir im Handball trainieren, und ich kann mir gut vorstellen, daß die Fußballspieler genauso hart trainieren. Sicher haben wir bei Olympia oder bei einer WM und EM mehr Spiele in weniger Tagen, aber wenn die Fußballspieler unser Programm hätten, da müßten sie auch durch. So Vergleiche hinken immer irgendwie.
Haben Sie noch härter trainiert als sonst?
Wir haben eine sehr, sehr harte Vorbereitung gehabt, vor allem die vier Wochen in Köln. Heiner Brand hat diesmal andere Wege eingeschlagen mit Professor Braun, der sich mehr um die Athletik und Kondition gekümmert hat, und ich hoffe, daß sich das auszahlen wird. Außerdem zählt ja nicht nur Olympia, für uns war das ja auch die Vorbereitung auf die Bundesligasaison, das darf man ja nicht vergessen. Das muß uns durch die gesamte Saison tragen, und da hatte der Bundestrainer eine große Verantwortung.
Ist die Mannschaft fitter als vor der EM in Slowenien?
Der Bundestrainer ist der Meinung, daß hier alle Teams fitter sind. Vor der EM haben wir sehr schlecht gespielt, da war die ganze Vorbereitung nicht gut, und das erste EM-Spiel gegen Serbien und Montenegro ging dann auch noch daneben. Und dann kam der ganz große Wurf. Jetzt haben wir quasi bei Null angefangen, langsam die Form gesteigert, die Athletik. Ich glaube schon, daß wir in Athen fitter sind als in Slowenien, wobei ich nicht behaupten würde, daß wir bei der EM müde waren. In Athen sind alle Mannschaften fit, die Konzentration und die Anzahl der Fehler werden entscheidend sein.
Muß man zwangsläufig befreundet sein, um soviel Lehrgangszeit auszuhalten, zumal Sie mit Ihren Kollegen vom TBV Lemgo ja auch noch den Kern der Nationalmannschaft stellen?
Ich bin schon mit einigen befreundet. Das muß nicht zwangsläufig so sein, aber wir haben eine gute homogene Truppe. Es verstehen sich fast alle untereinander, manche mehr, manche weniger. Aber der komplette Teamgeist ist einfach vorhanden. Das merkt man nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch außerhalb, sonst würde man sich längst auf den Geist gehen. Es ist ein Miteinander und kein Gegeneinander, wie man in Slowenien bei der EM gesehen hat, und so muß es bei Olympia auch sein.
Ist es schwer, die Konzentration im Olympischen Dorf zu bewahren?
Es ist natürlich schade, daß wir die komplette Zeit spielen. Die Gefahr ist sicher da, daß man von anderen Sportarten oder Sportlern abgelenkt wird. Aber man kann nicht 24 Stunden an Handball denken, sonst wird man auch mental müde. Wir werden uns schon mal einen anderen Wettbewerb anschauen, das war in Atlanta so, das war in Sydney so.
Die Mannschaftssportarten sind sehr beliebt bei den anderen deutschen Sportlern. Haben Sie deshalb eine besondere Rolle für die Stimmung innerhalb der gesamten Olympiamannschaft?
Ich glaube das schon. Ich habe das ja in Sydney erlebt, das war schon so eine Euphorie, da wollten viele zum Handball, dann gab es kaum noch Karten, dann wurden extra noch Tickets besorgt. Bis zum Viertelfinale waren wir dann ja auch erfolgreich. Es gibt halt nicht so viele deutsche Mannschaftssportarten bei Olympia, die Medaillenchancen haben. Bei Olympischen Spielen bekommen wir eben viel Aufmerksamkeit. Wir haben das in den letzten Wochen schon gemerkt, wie das Interesse zunimmt, vor allem mit dem EM-Titel im Rücken.
Sie gelten als Führungsspieler in der deutschen Mannschaft. Wie definiert sich so eine Rolle in einer Mannschaft, deren Stammbesetzung sehr erfahren ist und in der jeder für sich Weltklasse darstellt?
Das wird man ja nicht von heute auf morgen. Wir haben sicher fünf, sechs Führungsspieler. Schorsch (Markus) Baur und ich sind die Kapitäne, aber das heißt nicht, wir sind deshalb automatisch die Super-Verantwortungsträger. Wir sprechen viel mit dem Bundestrainer, und auf dem Spielfeld ist es wichtig, daß die Position in der Rückraummitte die Impulse gibt. Wir sind beide natürlich erfahren genug, um manche in der Truppe zu leiten. Wenn man einen schlechten Tag hat, gibt es halt einen anderen Führungsspieler, das ist das Gute an unserer Truppe, daß immer einer da ist, der Verantwortung übernimmt. Obwohl sich das auch so abgedroschen anhört, aber man muß auf dem Platz zeigen, worum es geht - und an einem schlechten Tag auch mal lauter werden.
Gibt es so etwas wie Wehmut, weil eine Ära zu Ende geht. Für einige ist es das letzte große Turnier.
Es wird schon mal gefrotzelt, das Trikot kannst du behalten, das brauchen wir ja nicht mehr. Aber die Konzentration gilt Olympia, nicht dem, was danach kommt. Wenn wir im Turnier sind, wird man vielleicht schon mal denken, ist aber schade, daß der jetzt aufhört, oder der Betroffene wird überlegen, oh, meine Karriere ist jetzt bald zu Ende. Aber das wird jetzt noch beiseite geschoben, jeder hat das große Ziel, eine Medaille zu holen.
Gleichgültig, welche?
Ich lehne das ab, was so geschrieben wurde von “Operation Gold”. Es gibt vier, fünf Mannschaften im Turnier, die in der Weltspitze sind und die Olympiasieger werden wollen und können. Sicher will ich das auch, aber mein primäres Ziel ist, daß ich ins Halbfinale komme und eine Medaille hole. Wenn du im Halbfinale bist, kannst du die Ziele ja noch höher stecken. Aber von vornherein über “Operation Gold” zu reden ist bei der Leistungsdichte vermessen.
Ist das verlorene Viertelfinale gegen Spanien die größte Erinnerung an Sydney, auch wenn Sie wegen Verletzung gefehlt haben?
Das hat man schon noch in den Köpfen, dieser Wurf an die Latte, das Ausscheiden im Gegenzug, da ist schon die Erinnerung da. Diesmal wollen wir es wirklich packen. Ob wir jetzt favorisiert sind wegen des EM-Sieges oder deshalb besonderen Druck haben, tut alles nichts zur Sache. Wir müssen unseren Streifen spielen, müssen versuchen, die Leistung von der EM zu wiederholen, und wenn wir das machen, dann sind wir ganz vorne dabei.
Haben Sie schon mal daran gedacht, daß Sie in kapp sechs Monaten schon wieder bei einer WM spielen?
Davor kommen ja auch noch ein Bundesliga-Block und die Champions League. Wenn ich mir den Spielplan ansehe, da spielen wir am 26. Dezember, am 29. Dezember und am 2. Januar. Letztes Jahr war es schon stressig am Jahresende, aber da hatten wir wenigstens um Silvester mal drei Tage frei. Das geht in eine Richtung, die uns Spielern überhaupt nicht gefällt. Wir machen schon Kompromisse, Handball ist zwar unser Beruf, aber da sollte man schon mal in der Liga daran denken, daß da auch noch gleich eine WM kommt. Da schüttelst du schon den Kopf. Alle vier Jahre WM oder EM statt alle zwei Jahre, das wäre sicher optimal und würde die einzelnen Veranstaltungen aufwerten.
Daniel Stephan, 31 Jahre, und Florian Kunz, 32, haben nicht nur die Körpergröße von knapp zwei Metern gemeinsam. Stephan war “Welthandballer des Jahres”, Kunz “Welthockeyspieler des Jahres”. In Sydney platzten bei beiden vor vier Jahren innerhalb weniger Stunden die Medaillenträume, aber das Trauma hinterließ keine Spuren.